Männer mit Belastungsinkontinenz bzw. Stressinkontinenz schieben OP oft jahrelang hinaus

Männer mit Belastungsinkontinenz neigen dazu, viele Jahre abzuwarten, bevor sie sich für eine Operation entscheiden. Zu diesem Ergebnis kommt eine amerikanische Studie.


Belastungsinkontinenz - früher als Stressinkontinenz bezeichnet - ist eine häufige Komplikation nach der operativen Entfernung der Prostata (radikalen Prostatektomie), 4% bis 42% der Operierten sind davon betroffen, so Dr. Joceline S. Fuchs von der University of Texas (UT) Southwestern Medical Center in Dallas und ihre Kollegen in einer aktuellen Veröffentlichung in „Urology“ zu diesem Thema.
Belastungsinkontinenz schränkt die Lebensqualität ein und ist einer der häufigsten Nachteile, die mit einer Prostatektomie verbunden sein können. Dennoch nutzen viele Männer nicht rechtzeitig eine Operation, um die Belastungsinkontinenz zu beheben.

"Nach über einem Jahrzehnt Erfahrung in der prothetischen Urologie haben wir festgestellt, dass zwei Drittel der Männer, die an Belastungsinkontinenz leiden, eine OP länger als zwei Jahre verschieben, während ein Drittel sogar mehr als fünf Jahre warten", berichtete Dr. Fuchs Reuters Health per E-Mail.
Am längsten brauchten die über Achtzigjährigen, bis sie sich für eine OP entschieden.
Dr. Fuchs und ihre Kollegen überprüften die Aufzeichnungen von männlichen Patienten mit Belastungsinkontinenz, die zwischen 2007 und 2017 in einer großen Praxis behandelt wurden, und berechneten die Zeit vom Beginn der Belastungsinnkontinenz bis zum erster operativen Eingriff zur Behandlung der Inkontinenz. Sie schlossen Fälle mit wiederholten Eingriffen aus.

Die 572 Männer, die sich einem ersten operativen Eingriff unterzogen hatten und die die Einschlusskriterien erfüllten, waren durchschnittlich 32 Monate von einer Belastungsinkontinenz betroffen und durchschnittlich 69 Jahre alt, als sie sich der Operation unterzogen.
Männer, die einen künstlichen Harnröhrensphinkter (künstlicher Schließmuskelapparat) erhielten, neigten eher zu einer Operation als jene, die ein Schlingensystem bekamen (Medianzeit 28,8 vs. 34,7 Monate). Bei letzterem Verfahren wird im Perinalbereich (After) unterhalb des Hodens ein Schnitt gemacht, über den eine Schlinge um die Harnröhre gezogen wird.

Die meisten Patienten verschoben den Eingriff für mehr als zwei Jahre (58,5% der Patienten mit Harnröhrensphinkter und 69,8% der Patienten mit Urethralschlinge), und 32,3% verzögerten ihre Operation länger als fünf Jahre. Ältere Männer warteten wesentlich länger mit einer Operation. Patienten in den Achtzigerjahren schoben den Eingriff um durchschnittlich 87,4 Monate hinaus.

"Während die sexuelle Gesundheit und die erektile Dysfunktion bei Überlebenden von Prostatakrebs in den letzten zehn Jahren immer mehr akzeptiert und angesprochen wurden, wurde männliche Inkontinenz nach denselben Krebstherapien nicht so offen thematisiert", bemerkte Dr. Fuchs.
"Männliche Patienten mit Belastungsinkontinenz sind psychosozial und emotional stark belastet. Belastungsinkontinenz stellt einen der häufigsten Gründe für Angstzustände und Depressionen nach Prostatektomie dar. Als rekonstruktive und prothetische Urologen sind wir in der Lage, unseren Patienten einfache und sichere Lösungen für ein äußerst lästiges Problem anzubieten", ergänzte sie. Auf diesem Gebiet sei noch viel Arbeit zu leisten, wie umfassende Patienteninformationen und eine bedarfsgemäße zügige Überweisung nach einer Prostataektomie.

Quelle: ReutersHealth/Medscape, Urology
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Facharzt für Urologie im Ärztehaus Harlaching: Dr. med. Thomas Erpenbeck