Tägliche geistige Aktivitäten wirken vorbeugend gegen Alzheimer

Intellektuelle Aktivitäten, wie Lesen und Spielen von Brettspielen oder Kartenspielen, können die Demenz bei älteren Erwachsenen verzögern oder verhindern, selbst wenn diese Aktivitäten im späteren Leben stattfinden. Zu diesem Ergebnis kommt eine britisch-chinesische Studie.


Forscher beobachteten mehr als 15.000 Erwachsene im Alter von 65 Jahren und älter etwa 6 Jahre lang und fanden heraus, dass diejenigen, die geistig aktiv blieben, ein geringeres Risiko hatte, Demenz zu entwickelten - selbst nach Berücksichtigung des Gesundheitsverhaltens, von körperlichen und psychiatrischen Komorbiditäten und von soziodemographischen Einflussfaktoren.
"Lebensstile sind wichtige Modulatoren für die geistige Leistungsfähigkeit im höherem Alter", erklärte die leitende Autorin Linda C. W. Lam, Professorin an der Abteilung für Psychiatrie der Chinesischen Universität von Hongkong, gegenüber Medscape Medical News.

"Mit dieser großen Stichprobe waren wir in der Lage, andere körperliche und lebensstilbedingte Faktoren zu kontrollieren. Unsere Ergebnisse zeigen daher, dass sich intellektuelle Aktivitäten unabhängig vom körperlichen Gesundheitszustand positiv auswirken", fasste sie die Ergebnisse zusammen.

Die Studie wurde in der Juli-Ausgabe von JAMA Psychiatry veröffentlicht.
Nur geistige Aktivitäten, aber nicht soziale und andere Freizeitbeschäftigungen wirkten sich positiv aus
"Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass geistige Aktivitäten im Leben … dazu beitragen können, das Risiko für Demenz bei älteren Menschen zu reduzieren", schrieben die Autoren.
Es ist jedoch unklar, ob die intellektuelle Aktivität als solche vor Demenz schützt oder ob andere Faktoren beteiligt sind. Personen, die geistig aktiver sind, pflegen in der Regel eine gesündere Lebensweise, sie treiben Sport, sie ernähren sich ausgewogen und rauchen nicht.
Darüber hinaus umfassen intellektuelle Aktivitäten "oft eine Mischung aus kognitiven, sozialen und entspannenden Komponenten", so dass es schwierig ist herauszufinden, ob kognitives Training, soziales Engagement oder positive Erfahrungen zu einer besseren kognitiven Gesundheit beitragen.
Obwohl frühere Studien Personen mit Demenz zu Studienbeginn ausgeschlossen hatten, könnten Teilnehmer mit Vorstufen einer Demenz möglicherweise bereits Schwierigkeiten mit intellektuellen Aktivitäten gehabt haben und ihre Beteiligung an solchen Aktivitäten deshalb eingeschränkt haben. "Eine solche umgekehrte Kausalität könnte zu Verzerrungen in der beobachteten Assoziation führen", bemerkten die Autoren.

"Was uns motiviert hat, diese Studie durchzuführen, ist, dass wir uns von gesunden älteren Erwachsenen inspirieren ließen, die in der Gemeinschaft aktiv blieben, sowie von Literatur, die den positiven Einfluss von geistigen Aktivitäten auf die kognitive Leistungsfähigkeit belegt", berichtete Lam.
Die Forscher untersuchten Menschen im Alter von 65 Jahren und älter (n = 15.582), die vom 1. bis 30. Juni 2005 bei einem Seniorengesundheitszentrum des Gesundheitsministeriums in Hongkong vorgestellt wurden.

Die Teilnehmer durften keinen Schlaganfall erlitten haben, nicht unter Morbus Parkinson und Demenz leiden und durften bei einem kognitiven Test nicht zu schlecht abschneiden. Die Probanden wurden bis zu 6 Jahre lang bei ihren Freizeitaktivitäten beobachtet. Zu "geistigen Aktivitäten" zählten die Wissenschaftler u.a. das Lesen von Büchern, Zeitungen oder Zeitschriften; das Spielen von Brettspielen, Mahjong oder Kartenspielen. "Soziale Aktivitäten" pflegte den Experten zufolge jemand, der einem sozialen Zentrum beitrat, sich ehrenamtlich engagierte, regelmäßig Verwandte oder Freunde traf und an religiöse Aktivitäten teilnahm. "Andere Freizeitaktivitäten" bestanden darin, fernzusehen, Radio zu hören, einzukaufen und in ein Teehaus zu gehen.

Die Forscher bewerteten Variablen wie Demographie (Alter, Geschlecht und Bildungsniveau), körperliche und psychiatrische Komorbiditäten und Lebensstilfaktoren (regelmäßige körperliche Bewegung, aktuelles Rauchen und Verzehr von Obst und Gemüse).

Geistige Reserven werden mobilisiert

Die Personen, bei denen während des Studienzeitraums Demenz entwickelten (n = 1.349; 8,7%), waren tendenziell älter als jene, die demenzfrei blieben. Demenzbetroffene waren überwiegend weiblich und hatten einen geringeren Bildungsstand, und sie litten häufiger unter körperlichen und/oder seelischen Erkrankungen. Darüber hinaus lebten sie meist ungesünder als diejenigen, die demenzfrei blieben, obwohl es keinen signifikanten Unterschied in der Prävalenz des Rauchens zwischen den beiden Gruppen gab.

Fast alle Teilnehmer (n = 15.574) gaben an, täglich irgendeiner Art von Freizeitbeschäftigung nachzugehen. Dennoch beschäftigten sich diejenigen, die demenzfrei blieben, zu Beginn mehr mit intellektuellen Aktivitäten. Bei der Teilnahme an sozialen oder anderen Freizeitaktivitäten zeigten die beiden Gruppen keine Unterschiede.

Höheres Alter, weibliches Geschlecht und ein niedrigeres Bildungsniveau waren bei den Teilnehmern zu Beginn der Studie mit weniger Aktivitäten verbunden.

"Wir waren nicht überrascht zu sehen, dass intellektuelle Aktivitäten helfen, den Geist wach zu halten", so Lam. "Wir vermuten, dass intellektuelle Aktivitäten die kognitiven Reserven besser fördert und das Gehirn besser kompensieren kann, obwohl es keine Hinweise darauf gibt, dass intellektuelle Aktivität einen direkten Einfluss auf Krankheitsvorgänge bei Alzheimer hat, wie die Bildung der Amyloid-Plaque oder Tau [Eiweißablagerungen, die die Nervenzellen des Gehirns zerstören] ", fügte sie hinzu.

Schränken Menschen im Vorfeld der Demenz geistige Aktivitäten ein?

Dr. Deborah Blacker, Co-Autorin eines begleitenden Editorials, äußerte einige wichtige Vorbehalte gegenüber der Studie. Ihrer Meinung nach sei es vielleicht auch möglich, dass die Menschen aufgrund einer Vorstufe von Demenz schon Jahre vor der tatsächlichen Diagnose weniger geistige Aktivitäten pflegten. Auch müsse geklärt werden, ob diese Befunde über die chinesische Studienpopulation hinaus auf Bevölkerungen in anderen Ländern übertragbar sei.

Sie fügte hinzu, dass es in dieser Studie nicht genügend Beweise gebe, um die Empfehlung von teuren "Gehirnspiel" -Programmen zur Verhinderung von Demenz bei älteren Erwachsenen zu rechtfertigen. "Es gibt viele kognitive Aktivitäten, die Spaß machen, kein Geld kosten, das Leben einer Person bereichern und auch dem Gehirn helfen können", ergänzte sie.

Quelle: Medscape, JAMA Psychiatry
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Fachärztin für Neurologie im Ärztehaus Harlaching (mit Demenzerkrankungen, Gedächtnistestungen im Leistungsspektrum): Dr. med. univ. Kathrin Winkler